Heike Geißler: Michaela Kohlhaas
"Das Rechtgefühl machte ihn zum Räuber und Mörder." So erzählt es Heinrich von Kleist in seiner gleichnamigen Novelle über den Pferdehändler Michael Kohlhaas, der nach erlittenem Unrecht blutige Vergeltung übt. Sein Rachefeldzug ist noch zweihundert Jahre später Vorbild und Handlungsanweisung für Michaela Kohlhaas, eine stellvertretende Friedhofsverwalterin. Befeuert von erfahrener Willkür und Ohnmacht, wird sie zur Aufsässigen. Doch wo Michael Kohlhaas mordet und brandschatzt, agiert sie vorrangig mit Worten: mit Zuspitzung, Übertreibung, Sabotage und Show. Einer vermeintlichen Hexe gleich, zieht sie fluchend und Verwünschungen aussprechend durchs Land. Und muss feststellen: Es ist von Nachteil, eine Frau zu sein. Es ist von Nachteil, sich zu wehren. Doch selbst wenn alle Welt sie für wahnsinnig erklärt – sie geht »mit wehenden Fahnen« ihrem Ende entgegen, auf ein gutes Ende hoffend, und doch ahnend: Ein solches Ende wird es vielleicht nicht geben.
Heike Geißler wurde 1977 in Riesa geboren. 2001 erhielt sie den Alfred-Döblin-Förderpreis für den ein Jahr später erschienenen Roman "Rosa". Sie nahm in den Jahren 2008 und 2021 am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt teil. In ihrem Buch "Saisonarbeit" verarbeitet sie ihre Tätigkeit als Aushilfskraft in einem Logistikzentrum von Amazon in Leipzig. Ihr Roman "Die Woche" war 2022 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Zuletzt erschien von Heike Geißler der Essay "Arbeiten" im Hanser Verlag. 2026 erhält Heike Geißler den Sächsischen Literaturpreis.
Suhrkamp | 24 Euro
253 Seiten | ISBN: 978-3-518-43280-8